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MADAGASCAR

Fernando Pérez, Cuba 1994, 50 Min., Spielfilm, Farbe, 35 mm


Filmkritiken:

Interview:


Inhalt:

"Von den fünf Filmen weist einzig MADAGASCAR von Fernando Pérez einen wirklich neuen Weg. Die Auseinandersetzung mit den unerwarteten Veränderungen ihrer Tochter bringt Bewegung ins Leben einer Frau, und sie beginnt zu verstehen, weshalb diese plötzlich erklärt, sie wolle nach Madagaskar. Pérez hat keinen dokumentarisch beeinflussten Stil gewählt und verzichtet auf die üblichen Bildern von langen Menschenschlangen und überfüllten Bussen, die bereits zu Gemeinplätzen kubanischer Kritik an den Verhältnissen geworden sind. Er zielt und trifft wesentlich tiefer: Seine indirekte, symbolische Bildsprache führt zu Szenen von beunruhigender Intensität und zu einer faszinierenden, irritierenden Mischung von Wirklichkeit, Traum und Alptraum. Die sehr persönliche Geschichte fängt damit die vorherrschende Stimmung von Ungewißheit und Perspektivlosigkeit des kubanischen Alltags äußerst genau ein.

Am Festival des neuen lateinamerikanischen Film im Dezember 1994 erhielt Pérez für MADAGASCAR stehende Ovationen des Publikums, den Spezialpreis der Jury und den Kritikerpreis. Der 50-minütige Kurzspielfilm wurde in 22 Tagen im Sommer 1993 gedreht - und wirkt wie ein Kommentar zu den dramitischen Ereignissen des Sommers 1994, als tausende von Bootsflüchtlingen die karibische Insel verließen. (...)"

Beat Borter in: Zoom Nr. 3 1995, S. 6-7


"MADAGASKAR von Fernando Perez. Er gehört zu einem Episodenfilm, der drei Regisseuren Arbeit geben sollte, weil sie anders nicht hätten beschäftigt werden können. Perez wurde als erster fertig. Er versucht die Gesellschaftskritik, die gewöhnlich in kubanischem Filmen innerhalb eines realistischen Komödienkanons abgehandelt wird (was bei ERDBEER UND SCHOKOLADE zum Welterfolg geworden ist), in eine eigene Bildästhetik umzusetzen. Ein Beziehungsproblem als Generationskonflikt bildet den Angelpunkt der Geschichte: Mutter und Tochter verstehen sich und die Welt nicht mehr, was der Physikprofessorin den Schlaf bzw. die Träume raubt und das Mädchen in eine Traumwelt fliehen lässt: nur weg, irgendwohin, eben nach Madagaskar (für einen Menschen der Karibik muß das besonders exotisch sein). Sie befinden sich ständig im Aufbruch, ziehen pausenlos umher, aber die äußere Mobilität ist nur Flucht vor der inneren Verkrampfung. Die Tochter zieht es in eine Religionsgemeinschaft, die wenigstens den Anschein erweckt, als ob man dort "abheben" könnte. Die Mutter muß erkennen, dass es für sie, die gerade wiederausgezeichnete Wissenschaftlerin, keinen Platz mehr gibt in einer innerlich ausgehöhlten und zunehmend desorientierten Gesellschaft. Ein deprimierender Befund, wie ihn kein anderer kubanischer Beitrag wagte. Die Jury hat seine Leistung mit ihrem Spezialpreis gewürdigt."

Peter B. Schumann: Spiele statt Brot? Vermischte Nachrichten vom 16. Festival des lateinamerikanischen Films. In: Frankfurter Rundschau 14.12.1994 S. 7


"Mit Vorschußlorbeeren wurde MADAGASCAR bedacht. Regisseur Fernando Pérez gehört im Gegensatz zu García Espinoza nicht zur alten Garde der cubanischen Filmemacher, die bereits ihr Stückchen, oft revolutionärer Filmgeschichte geschrieben haben. Madagascar, das ist die andere Insel, die die meisten Cubaner sich wünschen, der Ausweg aus der Eintönigkeit, ja Lethargie des sozialistischen Alltags, nicht nur aus der 'Spezialperiode', sondern auch aus den vielen kleinen zwischen menschlichen Konflikten, wie sie Mutter Laura und Tochter Laurita erleben. Fernando Pérez' Film, dessen Kameraführung und Schnitt nahtlos den Übergang zwischen der Wirklichkeit und der Welt von Lauras Träumen bewältigt, knüpft an scheinbar drehbuchloses, experimentielles Kino an, doch er bedeutet, beladen mit Symbolen aus der Psychologie und dem cubanischen Alltag, schwere Kost im Stile des Kleinen Fernsehspiels für Intellektuelle. Pérez' Film ist lediglich knapp fünfzig Minuten lang und damit seine Antwort auf die Mittelknappheit des cubanischen Kinos."

Eva Karnofsky: in: Süddeutsche Zeitung, 12.12.1994


"Der kubanische Regisseur Fernando Pérez entwirft in dem Film MADAGASCAR ebenfalls das Bild eines Kubas zwischen realsozialistischer Tristesse und der Flucht ins Esoterisch-Abgedrehte. Laura, Physikprofessorin und alleinerziehende Mutter beklagt sich beim Arzt, daß sie nur noch in der Lage ist, vom alltäglichen Leben zu träumen, welches sich eintönig dahinschleppt. Die KollegInnen an der Universität scheinen von einer Lähmung und Apathie ergriffen zu sein, hängen Tag für Tag im Lesesaal der Universität herum, lesen sich mit teilnahemloser Mimik die neusten Zeitungsmeldungen vor oder putzen ihre Brillengläser, die »so halbblind sind wie dieses Land sind.« Manchmal packt die nach außen so diszipliniert agierende Laura die Lust, ein Bombe hochgehen zu lassen.

Währenddessen vertreibt sich Lauras greise Mutter den Lebensabend mit 'Monopoly'-Spielen. Ihre halbwüchsige Tochter Laurita klettert mit Walkman auf den Ohren wie eine Schlafwanderin aufs Dach, schwankt zwischen pubertärer Schwermut, religiöser Abgehobenheit und dem Fernweh nach einem Ort namens Madagascar.

Der 'magische Realismus', das selbstverständliche Gleiten zwischen schnöder Realität und alltäglichen Wundern, was jahrelang fast zum Klischee für das lateinamerikanische Kino wurde, hat sich in diesem Film verflüchtigt. Traum und Wirklichkeit sind schmerzhaft voneinander getrennt. (...)

Bettina Bremme in: Lateinamerika Nachrichten, Nr. 249, März 1995, S. 39-41


Fernando Pérez über seinen Film MADAGASCAR im Gespräch mit Peter B. Schumann, Anfang Dezember 1994 in La Habana:

"Das Drama der Hauptfigur Laura besteht darin, daß sie die Fähigkeit zu träumen verloren hat, während ihre Tochter sie bewahren konnte. Das war die Methapher, die ich gesucht habe. Aber MADAGASCAR kann man nicht auf eine Leseart festlegen. Es ist ein Film, der verschiedene Deutungen zuläßt, wie jede künstlerische Ausdrucksform. Ich kann jede Interpretation akzeptieren mit einer Ausnahme: daß jemand die Bedeutung der Symbole simplifiziert und beispielweise behauptet, MADAGASCAR stünde für Miami, Laura verkörpere Kuba und Laurita die kommunistische Jugend. Das ist nicht meine Intention, und so einfach liegen die Dinge auch nicht. Ich will ein Gefühl zum Ausdruck bringen, das sich nicht in konkrete Worte fassen läßt, in dem sich vielerlei vermischt: der Zweifel, die Desorientierung, die Enttäuschung und vor allem ein Gefühl der Unbeweglichkeit. Dagegen richtet sich der Film. Laura begreift anhand des Konflikts mit ihrer Tochter und deren vielfältiger, träumerischer und desorientierter Suche, daß auch sie viele Dinge neu durchdenken und aus der Routine, in der sie sich verstrickt hat, ausbrechen muß. (...)

Die Farbkomposition hat uns sehr beschäftigt, und natürlich gibt es einen Bezug: die Bilder Magrittes. Wir wollten eine befremdliche Realität schaffen, keine Surrealität, sondern eine irritierende Wirklichkeit. Dabei haben mir die Bilder von Magritte sehr geholfen. Sein Werk hat mich schon lange beschäftigt unter der Fragestellung, wie ich der Wirklichkeit eine artifizielle Dimension geben sollte. Und so spielen wir z.B., ähnlich wie Magritte, mit einem Innenraum bei Nacht und einem Außenraum bei Tag. Wenn Laura aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Schiffe blickt, dann ist das Innere in ein Abendlicht getaucht, es ist fast Nacht, und draußen herrscht helles diffuses Blau. Eines hat mit dem anderen nichts zu tun. (...) Das Projekt (eines Episodenfilms) [MADAGASCAR, QUIÉREME Y VERÁS LIEB' MICH, UND DU WIRST SCHON SEHEN; MELODRAMA ] entstand in Diskussionen zwischen Daniel Díaz Torres, Roland Díaz und mir als Ausweg aus der Wirtschaftskrise des Landes, die sich natürlich auch in der Filmproduktion niedergeschlagen hat. Wir dachten, Geschichten von dreißig oder vierzig Minuten Länge zu drehen, würde jedem von uns die Möglichkeit geben etwas zu tun, denn wir wußten, daß das Filminstitut ICAIC nicht drei lange Spielfilme gleichzeitig würde produzieren können."

zit. n.: Internationales Forum des Jungen Films, Informationsblatt Nr. 40, Berlin 1995





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