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Tomás Gutiérrez Alea | Biographie | Filmographie | Interviews

FRESA Y CHOCOLATE

ERDBEER UND SCHOKOLADE

Tomás Gutiérrez Alea, Juan Carlos Tabío, Cuba, Mexiko, Spanien, 1993

110 Min., Spielfilm, ICAIC, IMCINE, Tabasco, Tele Madrid, SGAE, Farbe, 35 mm


Die Regisseure helfen den Liebenden.

"Vivian und David sind ein Traumpaar. Sie sind jung, sie sind geschmeidig, die Liebe schaut ihnen aus den Augen. David teilt sich im Studentenwohnheim der Universität von Havanna ein Zimmer mit dem Macho-Marxisten Miguel. So bleibt ihnen nur eine Absteige, um die Liebe wahr zu machen. Doch Vivian ist nicht nur anmutig, sie ist auch anspruchsvoll. David ist zu unerfahren, um zu verstehen, dass die Schöne nicht vorm Verlust der Unschuld, sondern vor der Armut zurückschreckt. So endet der Traum, ein Paar zu sein. »Ich werde dich«, verspricht David überwältigt von der Reinheit seiner Gefühle, »vor der Hochzeit nicht anrühren.« »Wie bitte!«, sagt sie und heiratet einen anderen. Der andere ist älter und hat Beziehungen. Mit ihm kann Vivian Kuba verlassen. David ( Vladimir Cruz) hat nichts außer seinem Kummer, seinem leidenden Literaturstudium und seiner Begeisterung für die Revolution, die über treuherzige Phrasen so wenig hinauskommt wie seine ersten Versuche als Schriftsteller. Ist das Leben so geschmacklos, ist es gut, wenn es wenigstens Eis gibt.

Doch das Schokoladen-Eis, mit dem Tomás Gutiérrez Alea, der 1928 geborene Grandsigneur des kubanischen Films, seinen jungfräulichen Revolutionär an einer Eisdiele Platz nehmen lässt, bleibt David im Hals stecken. Ein schöner Mann, der ihm Augen macht wie eine Frau, setzt sich an Davids Tisch. Der Fluchtweg ist versperrt, nebenan sitzt noch so einer, der Erdbeereis ißt. Später, wenn er seinem Tischnachbarn Diego, der für Davids verlegene Blicke dahin schmilzt, entronnen ist, wird sich David bei dem Frauenliebhaber Miguel ausweinen. Dass ausgerechnet er von einem Homosexuellen angesprochen worden ist, der sich zudem als Besitzer verbotener Bücher und Befürworter einer noch verboteneren Ausstellung religiöser Skulpturen offenbart hat, kann David kaum verwinden. Woran er erkannt habe, dass Diego schwul sei, will Miguel wissen. »Ganz einfach«, sagt David, es gab Schokoladen-Eis, und er hat Erdbeer genommen. ERDBEER UND SCHOKOLADE ist ein Film, der Vorurteile, die auf der Insel der Sittenwächter Verurteilungen gleichen, mit einem Lachen entkräftet. Eigens für den brüskierten David, der die kleinbürgerlichen Ängste eines braven Kommunisten hegt, führt sich der Lehrer und Literaturliebhaber Diego ( Jorge Perugorría ) tuntiger auf als Charlies Tante. Seine verzweifelt komische Selbstdarstellung ist so authentisch wie das Stammesritual aus dem Urlaubsangebot, das im Stundentakt der Touristen die Geister der Ahnen beschwört. Doch es ist nicht die gespielte Ehrlichkeit des Lebenskünstlers, der seine Art zu lieben unverstanden weiß, sondern die Kunst, die David entwaffnen wird. Zunächst will David von Diego nur die Fotos, die dieser angeblich von ihm während einer studentischen Theateraufführung gemacht hat. Sich in der Rolle eines bourgeouisen Liebhabers Schwarz auf Weiß gebannt zu wissen, beängstigt den Bilderbuchmarxisten, der keine größere Sünde kennt. In Diegos »Höhle« ahnt er zum ersten Mal, wohin solche Ausschweifungen führen. Davids Studentenbude ist unpersönlicher als der Kühlschrank des Konterrevolutionärs, den Diego Rocco ruft. Seine Wohnung nennt die Dinge beim Namen, gibt der Welt ein Gesicht, dem Verlangen eine Stimme, dem Glauben einen Zufluchtswinkel. Die Dinge gehören einer verpönten Vergangenheit an, sind zerbrechlich wie die Teetasse, die David als linientreuer Kaffeetrinker ablehnt. Das Gesicht auf den Zeitungsausschnitten, die Diego zu Ehren seiner Helden rahmt, kann Hemingway oder Wilde, Lorca oder Kavafis gehören. Die Stimme heißt Callas. Mit jedem hohen C singt sie Parolen klein. Zu Beginn seiner Bekanntschaft mit dem Klassenfeind erklärt sich David noch bereit, Diego für Miguels Kader auszuspionieren. Spätestens, wenn er in Diegos Umgebung, die auch ihm die Freiheit zum Fremdsein, zum Anderssein lässt, Ignacio Cervantes< 'Farewell to Cuba' hört, ist es aus mit dem Brustton der Überzeugung. Spätestens dann wird David begreifen, dass Diego, der in der Kunst und der (sexuellen) Freiheit für Kuba neue Horizonte sucht, seinem Land verbundener ist als die Bekenner der kubanischen Selbstbegrenzung. »Ich bin ein Teil dieses Landes«, wird Diego sagen, wenn er bereits weiß, dass er wegen »künstlerischer Umtriebe« das Land verlassen muss, »ohne mich würde euch etwas fehlen.« Was ihm gefehlt hat, wird David durch Diego finden. Die kleine Madonna, mit der Diego so vertraulich umgeht, dass man kaum glauben kann, wie komisch Fürbitten sein können, rührt zwar nicht an sein Herz: Die Madonna, die Blumen bekommt, wenn sie David herbeizaubert, und trockenes Brot, wenn er ausbleibt, ist Diego vorbehalten. Doch über Diego wohnt eine leibhaftige Madonna, die David mehr Wünsche erfüllt, als er je gehabt hat. Wie alle Figuren des Films, der seine Größe, seinen Humor und seinen Widerspruchsgeist aus der Ambivalenz seiner Charaktere bezieht, ist auch Nancy eine komische Heilige. Als Mitglied der Bürgerwehr sorgt sie sich um die rechte linke Parteilichkeit der Hausbewohner, als Diegos Freundin weiß sie nichts von Politik. An guten Tagen ist sie eine Königin des Schwarzmarkts, an schlechten Tagen übt sie sich im Selbstmord. Mit der Vierzigjährigen, die fluchend und betend mit dem Alter und den Preisen hadert, die sich freimütig zu der Angst bekennt, die ihr die Liebe des zwanzig Jahre jüngeren Davids einflößt, und noch freimütiger zu dem Glück, das den beiden widerfährt, haben Alea und sein junger Co-Regisseur Juan Carlos Tabío eine Frau von außerordentlichem Format ins Leben gerufen. Mirtha Ibarra spielt sie so unverschämt gut, dass von einem supporting act zwischen zwei phantastischen Schauspielern nicht die Rede sein kann. Der Film selbst ist in seinem Gestus, seinem Tonfall so von Zärtlichkeit, von der Sehnsucht nach menschlichem und politischem Verständnis erfüllt, dass sich seine drei Figuren noch im Streit, noch im Rausch der Eifersucht, die Freundschaft bewahren. Für David, der ihn lieben lernt, aber als Geliebter unerreichbar bleibt, wird Diego in seiner Wohnung ein Mahl bereiten, dessen Ende er nicht abwartet. Der Ausklang des Festes liegt in Nancys Händen. Er habe, sagt Diego einmal, das Recht, für Kuba zu kämpfen. Doch Kuba will sich noch nicht helfen lassen. So helfen seine Regisseure einstweilen den Liebenden, den Zweifelnden. Etwas Besseres kann das Kino für Kuba nicht tun."

Heike Kühn in: Frankfurter Rundschau, 7.10.1994, S. 7


Aufschrei gegen Intoleranz Talent ist kein Privileg der reichen Länder

"Mehr als jede andere Kunstform wird der Film in der Regel ausschließlich als Produkt der Kulturen reicher Länder identifiziert. Das Establishment dieser sich als die Erste bezeichnenden Welt können zwar einige große Maler, Schriftsteller oder Musiker hinnehmen, die nicht aus ihren eigenen Eingeweiden stammen. Sehr viel schwieriger aber fällt es ihr anzuerkennen, dass auch außerhalb ihrer engen Grenzen eine Filmkunst mit unwiderruflich universellem Anspruch und Wert existiert. Diese Versuchung des Exklusivismus hat eine unheilvolle Folge für Westeuropa gehabt: Film wird hier vom breiten Publikum gleichgesetzt mit nordamerikanischem Film, mit seinen jurassischen Trickeffekten und seinen millionenschweren Budgets. Der kubanische Film FRESA Y CHOCOLATE (ERDBEER UND SCHOKOLADE), der am Samstag im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde, beweist nun zweierlei: dass Filmkunst nicht das Ergebnis von Geld ist, sondern von Talent; und dass letzteres kein Privileg der Kulturen reicher Länder ist, sondern allen Kulturen gleichermaßen zueigen ist. FRESA Y CHOCOLATE ist ein außergewöhnlicher Film, weil er einige der zentralen Aspekte und tiefsten Ängste der kubanischen Kultur in ihrer dramatischen aktuellen Situation verschmelzen lässt. Deswegen aber geht er nicht nur Kuba etwas an; weitaus mehr als man denken könnte, finden sich die Probleme, die die Kubaner bedrücken, auch in anderen Breitengraden wieder - wie das Lachen, der Applaus und sogar die Tränen gezeigt haben, mit denen das Premierenpublikum im übervollen Zoo-Palast den Film begleitet hat. FRESA Y CHOCOLATE dreht sich fast ausschließlich um drei Personen: David (Vladimir Cruz), ein junger Student der Sozialwissenschaften mit schriftstellerischen Ambitionen, ein orthodoxer und naiver Verfechter der Revolution; Diego ( Jorge Perugorría), ein Homosexueller, der die Kultur nicht nur als Vergnügung, sondern auch als Verpflichtung empfindet; und Nancy (Mirtha Ibarra), eine reife Frau, die von ihrer Einsamkeit erdrückt wird und die so gut sie kann mit der Last ihres Alltags kämpft. Inmitten eines Dschungels von Vorurteilen und Unverständnis entwickelt sich zwischen ihnen eine mitreißende, freundschaftliche gleichwohl leidenschaftliche Dreiecksbeziehung. Durch die dem Tanz verwandten Körperbewegungen der KubanerInnen gewinnt die schauspielerische Leistung der drei einen ungewöhnlichen Facettenreichtum, und sie berühren durch ihre Authentizität in den komischen, den tragischen, oder auch einfach in den tragikomischen Szenen. Die Darbietung von Jorge Perugorría als Diego ist herausragend, und es scheint nicht übertrieben zu behaupten, dass ihm damit die vielleicht komplexeste, überzeugendste und nahegehendste Darstellung eines Homosexuellen in der Geschichte des Films gelingt. Das Drehbuch für FRESA Y CHOCOLATE stammt von Senel Paz, einem der bemerkenswertesten Schriftsteller im heutigen Kuba. Grundlage war seine Kurzgeschichte 'Der Wolf, der Wald und der Neue Mensch'(ein deutscher Verlag sollte sie übersetzen und veröffentlichen, um damit den Erfolg des Films zu ergänzen). Es handelt sich nämlich, was die Vielfalt von Nuancen in den Beziehungen zwischen den Personen angeht, um ein außergewöhnlich komplexes Drehbuch; gleichzeitig ist es ein sehr einfaches Drehbuch, was die finanziellen Erfordernisse für seine Umsetzung betrifft - eine Arbeit, die als paradigmatisch für die Filmkunst armer Länder bezeichnet werden kann. Das Lob gebührt aber vor allem den beiden Ko-Regisseuren, Juan Carlos Tabío und Tomás Gutiérrez Alea, der diesen Film auch erdacht hat und die Hauptverantwortung dafür trägt. FRESA Y CHOCOLATE ist in der Tat die Fortsetzung und gleichzeitig einer der Höhepunkte in Aleas Schaffen, das Klassiker wie DER TOD EINES BÜROKRATEN und ERINNERUNGEN AN DIE UNTERENTWICKLUNG umfasst. Mit diesem neuen Beweis seiner Kunst und seiner ethischen Konsequenz, in der Schlussumarmung von David und Diego, die ein Aufschrei gegen die Intoleranz ist, eine Behauptung der Freundschaft, der Kultur und der Liebe als unverzichtbare Werte nicht nur für Kuba sondern für die Welt insgesamt, hat Tomás Gutiérrez Alea seinen Rang als Meister der kubanischen Filmkunst bestätigt. Genauer: als Meister der Filmkunst."

Der Autor ist kubanischer Schriftsteller und lebte in Berlin. Übersetzung: Bert Hoffmann

Jesus Díaz in: Die Tageszeitung 14.2.1994



Last update 29.1.2016

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Graphik: Uwe Kupka

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